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Orpheus bei Vergil und Ovid. Der Dichter als Liebender

Michael von Albrecht


Pages 535 - 554



Orpheus, der Sänger vom Rhodope-Gebirge, gilt als Inbegriff des Sängers, Sehers und Dichters. Noch im 20. Jh. hat ihm Rainer Maria Rilke in den „Sonetten an Orpheus“ gehuldigt. Auf die Bildende Kunst – von dem berühmten antiken Orpheus-Relief bis hin zu Auguste Rodin2 – und auf die Musik hat das Thema ausgestrahlt (von Monteverdi über Gluck bis hin zu Offenbach). Die griechische Antike verehrt Orpheus als Seher, schreibt ihm apokryphe Werke zu und lässt ihn in verschiedenen Dichtungen auftreten; so singt er in den Argonautika 1,495–512 des Apollonios Rhodios ein kosmologisches Lied, und es ist nicht auszuschließen, dass Ovid in seinen Metamorphosen mit diesem Gesang in Wettstreit tritt. Die römischen Dichter beschäftigt in besonderer Weise sein persönliches Schicksal: der Verlust der Gattin, die Fahrt in die Unterwelt, der bewegende Gesang in der Tiefe, die Rückkehr und der verbotene Blick zurück, der zum zweiten, unwiderruflichen Tod der allzusehr Geliebten3 führt. In Vergils Georgica und Ovids Metamorphosen nimmt der Orpheus-Mythos eine bedeutende Stellung ein. Daher ist es lohnend, den Intentionen der Dichter und ihrer jeweiligen Ausdeutung der Gestalt des Orpheus und seines Schicksals genauer nachzugehen. Zu prüfen wären dabei unter anderem die weit verbreitete Abwertung der ovidischen Darstellung gegenüber der vergilischen – sie spricht ja sogar aus der sonst wertvollen Akademie-Abhandlung von Eduard Norden4 – sowie die in Charles Segals5 anregendem Buch herrschende Kennzeichnung der Orpheus-Geschichte als „der Mythos vom Dichter“ (the myth of the poet). Strittig ist ferner die Bewertung der literarischen Technik Ovids: Eingang und Schluss der Erzählung stellen durch ihren distanzierten Charakter literarästhetische Probleme. Schließlich zwingt der Gesang des Orpheus, nach dem Verhältnis von Poesie, Rhetorik und Musik zu fragen. Betrachten wir nun die beiden Erzählungen in ihrem jeweiligen Kontext.

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