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Cicero, De re publica und Sallust, Catilina

Zum Dekadenzdiskurs in der römischen Literatur


Helmut Seng


Seiten 503 - 527



Das Modell vom Kreislauf der Verfassungen im sechsten Buch des Polybios beruht auf sozio-politischen Dekadenzprozessen innerhalb der einzelnen Staatsformen. Im Falle der Mischverfassung führt die Dekadenz der darin nacheinander vorherrschenden Einzelformen zunächst zu einer ausgewogenen Gesamtverfassung, bis die Balance schließlich kippt und es zum Niedergang kommt. Nach diesem Muster scheint Polybios die römische Frühgeschichte dargestellt zu haben. Derselben Tendenz entspricht Cicero, der das Modell in Buch 1 von De re publica aufgreift und in Buch 2 die römische Frühgeschichte als Verfassungsgeschichte entwickelt, in der Dekadenzereignisse jeweils zum Fortschritt führen; den systeminhärenten Niedergang blendet er jedoch aus. Die Vorgeschichte zur Catilinarischen Verschwörung bei Sallust lässt sich als Replik dazu lesen. Er schließt konkurrierend an Polybios an, indem er mit dem Fall Karthagos den Dekadenzprozess beginnen lässt, der ins Verderben führt. Dabei nimmt er Anregungen aus Polybios auf, der Anzeichen des Niedergangs bereits seit dem Sieg im Perseuskrieg sieht, und unterscheidet Stufen des Verfalls nach Platon, Politeia 8–9.

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